Dekorative Triathlon-Icons für die Disziplinen Schwimmen, Radfahren und Laufen

Udo van Stevendaal

Triathlet

Ein Icon für eine Medaille

10-facher Deutscher Meister und mehrfacher Welt- und Europameister

ITU Altersklassenweltmeisterschaft im Triathlon, 15.09.2013

London: Donnerstag, der 12. September, 5 Uhr morgens. Endlich geht es los, das Unternehmen London. Die Nacht war kurz, aber das werden die nächsten sicherlich auch. Am Flughafen treffen wir auch schon die ersten bekannten und unbekannten Gesichter und machen uns mit ihnen vertraut. In den folgenden Tagen lernen wir viele nette Leute kennen.

Als wir mittags im Hotel ankommen, erhalten wir den ersten Dämpfer. Zwei Sportfreunde vom TSV Bargteheide waren bereits einen Tag früher angereist und empfingen uns mit der schlechten Nachricht, dass die Zimmer und die Betten viel zu klein seien. Und tatsächlich
sehe ich auch schon die ersten, die ihr Rad in der Lobby oder auf dem Gehweg vor dem Hotel zusammenbauen. „So klein kann unser Zimmer gar nicht sein, dass mein Rad nicht rein passt! Notfalls muss Anke sich ein anderes suchen.“ Ich wurde eines Besseren belehrt: Anke hat sich kein anderes Zimmer gesucht. So muss ich mein Rad im Flur bei regem Durchgangsverkehr und unter tosendem Beifall zusammenschrauben und bin nach zwei Stunden klitschnass geschwitzt – das war die Trainingseinheit für heute! Aber wenigstens habe ich mein Rad. Das des Sportfreundes sollte erst mit zwei Tagen Verspätung eintreffen. Und wo das Rad jetzt lassen? Ich frage Anke, ob es mit ins Bett darf, wenn es sich ganz still verhält. Okay, aber nur bis Samstag. Abgemacht! Nachmittags erkunden wir das Wettkampfgelände im Hyde Park und holen die Startunterlagen ab. Nur noch ein wenig zu Abend essen und dann fallen wir ins Bett, wo das Rad bereits liegt. Aber man kann sich auch sonst sowieso nicht rühren.

Am Freitag erleben wir dann das typisch englische Wetter: kalt und regnerisch. Heute sind die Agegrouper im Sprint dran, u.a. Anke Lakies. Wir machen uns zur Strecke auf (15 min zu Fuß) und positionieren uns in der S-Kurve im Hyde Park. Hier kann ich aber nicht lange bleiben und mit ansehen, wie die bei diesen Bedingungen um die Kurve jagen. Später sollte hier ein Ami krankenhausreif stürzen und schwere Schädelverletzungen erleiden. Wie wird das Wetter wohl am Sonntag? Die Wettkampfbesprechung der DTU ist suboptimal! Das habe ich bei kleineren Veranstaltungen schon besser erlebt.

Am Samstagmorgen herrscht immer noch englisches Wetter, während sich die Profifrauen etwas nicht Vorhandenes abfrieren. Wir nutzen die Gelegenheit und inspizieren ein paar neuralgische Ecken. Und zack liegt schon wieder eine. Wie wird wohl das Wetter am Sonntag? Was sagt wetter.de? Schlecht! Und wetteronline? Besser! Gut, das nehmen wir. Nachmittags muss ich mein Rad einchecken. Leider stellt der Veranstalter keine Planen zur Verfügung. Diese muss man sich für teuer Geld am PowerBar Stand kaufen. Ich bin zu spät, finde aber im Müll noch ein Überbleibsel von der Sprintdistanz. Wir dürfen nur das Rad hinstellen, alles andere muss am Sonntagmorgen zwischen 5 und 6:30 Uhr gemacht werden – für alle Teilnehmer! Ich schaue mich um und sehe all die austrainierten vor Kraft strotzenden Athleten. Kann ich hier bestehen? Einige von ihnen habe ich heute Morgen noch durch den Park düsen sehen. Die machten wirklich einen fitten Eindruck! Abends gibt‘s noch Pasta und dann ohne Rad ins Bett.

Sonntag, 5:10 Uhr, Race Day. Während Anke noch schläft, jogge ich mit meinen Klamotten zur Wechselzone, um meinen Platz vorzubereiten. Es ist noch dunkel, aber das erste Grinsen habe ich schon im Gesicht, als ich die Sterne am Himmel sehe. Das bedeutet: kein Regen! Aber es ist kalt, nur vier Grad! Obwohl ich die Reifen bereits gestern aufgepumpt hatte, lasse ich mich von all den anderen verunsichern und frage nach einer Pumpe. Ein Offizieller läuft mir über den Weg, der die Pumpe aber nicht aus der Hand geben und selber pumpen will. Er setzt an und pfffffffffff. „Oh no, no“, I shout. „Relax“, he says und pfffff. No! Mit einer Hand hält er das Ventil und mit der anderen pumpt er. Im Dunkeln versucht er die Anzeige abzulesen. Na denn. Das Gleiche versucht er am Hinterrad, pffff, „no“, „relax“, pffff, „no“! Alles gut. Ich präpariere meinen Wechselplatz und erinnere mich daran, was Holgi in Lübeck widerfahren ist. Also prüfe ich per Hand nochmal den Luftdruck: vorne gut und hinten – schlapp! Oh nein. Und jetzt? Reifen wechseln oder nur nochmal aufpumpen? Ich habe nur noch 30 min in der Wechselzone. Reifenwechsel kann unter diesem Druck nur schiefgehen. Also leihe ich mir eine andere Pumpe und warte, und warte. Ist wieder etwas entwichen oder bilde ich mir das nur ein? Ich muss die Zone verlassen. Eine letzte Prüfung. Ich weiß es nicht! Unsicherheit macht sich breit. Sollte das Rennen für mich gelaufen sein, bevor es begonnen hat? Ich eile zum Hotel zurück und schiebe mir zwei pappige Toasts rein. Ich kann mich gar nicht so recht auf das Rennen freuen. Was ist mit meinem Hinterrad?

Anke und ich spazieren zum Start und da, das zweite Grinsen in meinem Gesicht. D.h. erst einmal grinst mich ein Smile von einem Schild an „swim today 750 m“. Das Wasser hat nur 15 Grad und die Luft um die 10. Aber ob das alle so toll finden? Egal! Dann beginnt das ewig lange Warten vom Einchecken in den Vorstartbereich bis zum Start, fast 30 min. Die Füße sind fast abgefroren, bevor wir überhaupt im Wasser sind. Wind kommt auf und treibt mir das dritte Grinsen ins Gesicht. In Kombination mit den trockenen Straßen würde mir das als guten Radfahrer entgegenkommen. Aber apropos Rad, wie es wohl der Luft in meinem Hinterrad geht? Das Grinsen ist wieder verschwunden. Als Letzter betrete ich den Ponton, bewusst, da man sich auf dem Ponton die Position nicht mehr aussuchen darf. Somit bin ich ganz außen, pfiffig. Eine Minute vor dem Start werden wir ins Wasser gelassen, und dann geht es ganz schnell. An der ersten Wendeboje nach 250 m spüre ich das erste Mal, dass ich so etwas wie Arme habe. Allmählich sind sie aufgetaut. Ich finde meinen Rhythmus noch bevor das Schwimmen vorbei ist (11:29 min). Wie geht es meinem Hinterrad? Der lange Weg vom Schwimmausstieg zum Wechselplatz schockiert einen Hamburg-Starter nicht wirklich. Die Anstiege hoch auf die Wiese schon. Am Rad geht der erste Griff ans Hinterrad – alles gut. Jetzt kann das Rennen beginnen! Ich muss an Astrids und Rüdis Toffees denken und gebe Gas. Blicke gehen immer wieder auf das Hinterrad. In den ersten drei, vier Kurven habe ich das Gefühl, hinten zu schwimmen. Vielleicht liegt das aber auch nur an diesem komisch roten Asphalt. Nach 2 km hole ich Klaus Eckstein ein (am Ende zweitbester Deutscher) und weiß ab jetzt, dass ich gut im Rennen liege. Aber wie schnell sind die Briten, Aussies und Kiwis geschwommen? Ich fliege an den Sehenswürdigkeiten vorbei, nehme sie nicht wahr und gebe den Jungs nicht die Chance, sich hinten reinzuhängen. Nach der ersten Runde habe ich das Gefühl, vorne zu liegen, aber schließlich kommt ja noch eine Startgruppe nach mir. Also drücke ich weiter und bekomme die ersten Krämpfe im Oberschenkel. Das ist ein gutes Zeichen, weiß ich doch jetzt, dass ich am Limit fahre. Und beim Laufen brauche ich nur noch die Waden. Mit einem Schnitt von 42,1 km/h steige ich vom Rad (57:37 min). Rein in die Schuhe und ab geht‘s. Wie läuft es? Wie fühle ich mich? Die Beine sind schwer aber die Uhr sagt nach dem ersten Kilometer 3:29 min, gut so (10 km in 35:48 min). Es geht hoch und runter, mal mit mal eine lange Gerade gegen den Wind. Ich muss an die Toffees denken und an die Startgruppe hinter mir. Wie schnell würden die laufen? Nicht nachlassen! Völlig erschöpft erreiche ich nach 1:50,21 h das Ziel und weiß nicht, was meine Zeit wert ist. Aber ich bin bis an meine Grenzen gegangen und vielleicht sogar etwas darüber hinaus. Also habe ich mir nichts vorzuwerfen. Am Ende habe ich über zweieinhalb Minuten Vorsprung auf den Zweitplatzierten Briten.

Die Siegerehrung am Abend auf dem Trafalgar Square ist völlig verregnet! Hat den Engländern niemand gesagt, dass man Mitte September in ihrem Land besser keine Open Air Veranstaltung plant? Dennoch sind viele Leute da. Bisher hat mir noch niemand von der DTU offiziell irgendetwas gesagt. Als ich frage, wo sich die Medaillengewinner sammeln sollen, werde ich nur fragend angeschaut: „Wieso willst Du denn das wissen?“ Mein Ergebnis habe ich nur aus dem Internet erfahren. Die Zeremonie erlebe ich wie in Trance. That’s it! I did it!