Ich hatte keine Chance – und die habe ich genutzt, Triathlon Europameisterschaften in München am 14. August 2022

Dass ich es überhaupt bis hierher schaffen würde, hätte ich im März nicht zu träumen gewagt. Damals wurde ich auf Grund eines Innenmeniskusrisses am Knie operiert. Die Saison hatte ich eigentlich komplett abgehakt. Aber Dank der grandiosen Betreuung meines Orthopäden verlief die Reha so gut, dass ich bereits bei der Sprint DM in Berlin am 25. Juni Deutscher Vizemeister werden konnte und jetzt einfach nur die Stimmung bei der Heim-EM genießen wollte. Dabeisein ist alles.

Wir reisen schon am Donnerstag an und beziehen unser Quartier in Dachau vor den Toren Münchens. Dieser Triathlon verlangt den Athleten mal wieder alles ab in puncto Organisation und Zeitmanagement: Abholen der Startunterlagen am Freitagnachmittag; Wettkampfbesprechung am Freitagabend; Einrichten der zweiten Wechselzone am Samstagmittag; Einrichten der ersten Wechselzone am Samstagabend; Start am Sonntag um 7 Uhr!

Am Freitagmorgen fahren wir zum Karlsfelder See, nahe Dachau, in dem das Schwimmen stattfindet. Ich habe die letzten Wochen konsequent ohne Neo trainiert, obwohl es bei Wassertemperaturen um 23 °C für mich als bekennendes Weichei sehr herausfordernd war. Aber bei Meisterschaften gilt ab 22 °C Neoverbot. Und da die letzten Wochen so extrem warm waren, habe ich damit gerechnet, dass auch bei der EM ohne Neo geschwommen werden muss – denkste. Der See heizt sich zwar tagsüber auf fast 22 Grad auf, kühlt sich aber in den frischen Nächten wieder auf 20 Grad ab. Also findet die Streckenerkundung im kühlen Nass mit Neo statt, aber ohne Bojen. Hier deutet noch nichts auf ein Triathlon-Großereignis hin.

Nach der ersten Disziplin versuche ich mich auch schon auf die zweite einzustellen. Auf dem Weg zur Abholung der Startunterlagen erkunden wir die Radstrecke – und verfahren uns. Hammer, auf welchen schmalen und kurvigen Feldwegen manchmal gefahren werden muss! Zwölf Kilometer führen zwar über breite, teilweise mehrspurige Straßen, aber acht Kilometer sind technisch sehr anspruchsvoll, aber flach.

Im Olympiapark genießen wir die tolle Stimmung, das Come-Together von allen Sportlern und Sportbegeisterten und das Elite-Rennen der Frauen. Leider kann ich die Laufstrecke nicht erkunden, weil es einfach zu voll ist. Wir können nur Teile „besichtigen“. Aber die reichen schon: Auf ca. 600 m müssen ca. 30 Höhenmeter überwunden werden. Aber soooo steil finde ich das gar nicht wie mir vorher alle Angst gemacht haben. Bei der Wettkampfbesprechung am Abend steigt dann schon allmählich die Spannung. Am Abend gehe ich mehrfach die Abläufe durch.

Es heißt: Die vorletzte Nacht vor einem Wettkampf ist die Wichtigste, weil man in der letzten Nacht sowieso nicht schlafen kann. Danach müsste für mich am Samstag schon der Wettkampf sein. Immer wieder gehe ich die Abläufe durch und überlege, was ich wo in welcher Wechselzone benötige. Die beiden Wechselzonen liegen immerhin 22 km auseinander, sodass es wohl überlegt sein sollte. In WZ 2 braucht man eigentlich gar nichts, nur Schuhe. Beim Einrichten des Wechselplatzes schaffe ich es gerade noch, mir einen weiteren Teil der Laufstrecke anzuschauen, sodass ich jetzt drei der fünf Kilometer kenne. Einen Plan habe ich auch schon im Kopf. Der Bike Check-In wird dann schon etwas aufwendiger. Nur gut, dass wir es von unserem Quartier nicht weit zum See haben. Und plötzlich bin ich die Ruhe selbst. Die große Anspannung ist weg. Ich sehe all die fitten und durchtrainierten Athleten. Drei Jahre ist es seit meiner letzten internationalen Meisterschaft her. Drei Jahre, in denen die anderen fitter geworden sind und ich älter geworden bin. Schließlich bin ich der älteste Athlet in meiner Altersklasse M50. „Ich habe keine Chance. Genieße einfach den Tag!“

Am Abend erreicht alle Deutschen Athleten noch eine E-Mail von der DTU mit der Überschrift „Letzte Wettkampfinformation“. Meine biologische Mustererkennung filtert sofort Worte heraus wie „schlechte Wasserqualität“ und „Duathlon“. Doch bevor ich frohlockend das Hotel zusammenschreie, nehme ich mir die Zeit, die gesamte E-Mail zu lesen und sinke desillusioniert in die Matratze. Bei der letzten Messung der Wasserqualität war ein Grenzwert deutlich überschritten. Deswegen hatten die Verantwortlichen kurz erwogen, auf das Schwimmen zu verzichten und stattdessen einen Duathlon durchzuführen. Nach Abwägen aller Risiken und organisatorischen Aufwände haben sie sich aber dagegen entschieden. „Na ja, ich bin ja auch für einen Triathlon hier und nicht für einen Duathlon.“

Die Nacht ist kurz. Ab 3 Uhr bin ich hellwach. Ich bin zwar ruhig, aber auch extrem fokussiert. Ein letztes Mal gehe ich alles in Gedanken durch. Und noch ein letztes Mal. Und noch ein letztes Mal. Ich muss an meinen guten Kumpel denken, dem es nicht gut geht. „Ich werde für Dich kämpfen, mein Freund! Tu Du es auch!“ Um 4 Uhr reicht es dann mit den Gedankenspielen. Ich stehe auf und gehe raus, damit Anke noch eine Stunde schlafen kann. Und wenn ich schon mal draußen bin, kann ich auch ein paar Übungen machen und mich warmlaufen. „Heute habe ich gute Beine“, geht mir durch den Kopf, „viel besser als in Berlin.“ Triathleten sind schon ein bisschen gaga. „Wer macht schon mitten in der Nacht im Dunkeln einen Steigerungslauf?“ Das denken sich jedenfalls die Nachtschwärmer, die vom Volksfest in Dachau kommen. Einige von denen sitzen auf einer Bank an einem Gehweg, als ich, schwarz gekleidet, an ihnen vorbeidüse. „Was war das denn?!“, höre ich noch hinter mir. „Hast Du das auch gesehen?“ Ich glaube, sie werden so schnell nichts mehr rauchen. Den Ablauf habe ich mir vorher schon genau festgelegt. Also, Nahrungsaufnahme um 5 Uhr: Brezn und Banane. Um 5:40 Uhr Aufbruch zum See. Ab 6 Uhr darf man nochmal zu seinem Rad. Letzter Check. „Ups, die Reifen könnten etwas mehr Luft vertragen. Hatte ich doch gestern erst aufgepumpt. Naja, war ja auch kalt in der Nacht.“ Jetzt haben wir 12 °C – brrr. Ich habe ne dicke Daunenjacke an. Aber ansonsten ist das Wetter perfekt: Sonnig, windstill, bis zum Zieleinlauf maximal 15 °C. Und dann geht alles irgendwie wie in Trance: Neo anziehen, Schwimmstrecke anschauen, Abläufe im Kopf durchgehen. Schon lange nicht mehr war ich so ruhig unmittelbar vor dem Start. „Genieße den Wettkampf! Mach das, was Du kannst!“, sage ich mir. Schließlich habe ich ein ganz heißes Eisen im Feuer: Mein Kumpel Matthias ist einer der besten, wenn nicht der beste, Schwimmer in unserer AK. Ihn sehe ich als Topfavorit, zumindest auf eine Medaille. 15 Minuten vor dem Start müssen wir in den Vorstart-Bereich. Tatsächlich ist dieses Prozedere bei internationalen Meisterschaften das, was mir bei einem möglichen Neoverbot am meisten Sorge bereitet hat: 15 Minuten bei 12 °C in einem Triathlon-Einteiler hätte ich wohl nicht überlebt. Jetzt werden alle so langsam nervös. Ich möchte ganz an den Rand. Bei 100 Teilnehmern – unsere Startgruppe ist die größte! – befürchte ich ansonsten, im Schleudergang unterzugehen. Doch irgend so ein Spacko (ich kenne Deine Badekappe 😉) meint, er müsse sich an mir vorbeidrängeln. „Man sieht sich immer zwei Mal“, hoffe ich. 30 Sekunden vor dem Start geht es bis Hüfttiefe ins Wasser. Und dann geht es los . . .

Ich schwimme sofort nach rechts außen weg, damit ich auf den ersten Metern nicht von den Heißdüsen übergebügelt werde. Kurz geht mir durch den Kopf, was die Leute am Strand denken müssen: „Wo schwimmt der denn hin?!“ Doch ich habe alles im Griff – ehrlich – kann frei schwimmen und finde meinen Rhythmus. Es ist nicht so druckvoll, wie ich mir das vorgestellt habe, aber trotzdem okay. An der ersten Richtungsboje nach 200 m geht es links weg. Die kann ich außen locker umschwimmen. Mir ist bewusst, dass ich mehr Meter mache als viele andere. Jetzt kommt eine lange Gerade von ca. 250 m. Mein Plan, mir jetzt eine Gruppe zu suchen, geht nicht ganz auf. Doch ich behalte meinen Rhythmus. Dann eine 135,75 ° Richtungsänderung. Jetzt endlich finde ich gute Füße, die ich auf den letzten 300 m nicht mehr aus den Augen lasse.

Endlich wieder in der Vertikalen halten meine akustischen Sensoren Ausschau nach Anke: „Platz 29, zwei Minuten auf die Spitze.“ Das ist in etwa das, was ich vorher gehofft hatte. Jetzt ein schneller Wechsel, bei dem ich noch ein paar Sekunden gutmachen möchte (Denkste! Die Anderen können auch schnell wechseln.), und rauf aufs Rad.

Hendrik ruft mir noch zu: „Super Schwimmen! Direkt vor Dir ist Frank. Er ist auch ein guter Radfahrer. Macht gemeinsame Sache!“ Ich habe Vertrauen in mein Rad, das Dirk letzte Woche noch gepimpt hat, und mache gleich Druck. Nach einem Kilometer geht es auf die Bundesstraße und ich habe schon drei Konkurrenten eingesammelt, die ich in Schlepptau nehme. Die Bundesstraße kann man gut einsehen. Ich erblicke zwei Gruppen á fünf, sechs Fahrer in der Ferne. Also weiter Druck. Als ich die erste Gruppe passiere erkenne ich Steven, meinen belgischen STRAVA-Freund. Vorher haben wir besprochen, dass wir auf dem Rad gemeinsame Sache machen wollen, wenn es sich ergibt. Ich winke ihn herbei. Weiter geht’s. Jetzt die nächste Gruppe. Noch bevor es nach fünf Kilometern von der Bundesstraße ab- und auf die schmalen Feldwege geht, haben wir auch diese Gruppe eingeholt. Bisher bin ich komplett vorne gefahren. Und jetzt kommt das Stück, welches ich mir vorher genau eingeprägt habe. Das möchte ich unbedingt vorne fahren. Also weiter keine Ablösung. 90 ° Linkskurve, dann Rechts-Linkskurve mit „Kniesel“ auf der Straße. So, jetzt ist mal Zeit für eine Ablösung. Ich nehme einen Tritt raus und fahre nach links. Das spült einen Franzosen nach vorne. Ein kurzer Blick auf meinen Tacho verrät mir, dass das Tempo von über 40 km/h auf 37 km/h sinkt. „Nein, mon ami! So nicht!“ Nach einer kurzen Verschnaufpause gehe ich wieder nach vorne und mache eine weitere Zehnergruppe aus. 500 m später hängen wir auch dort drin. Jetzt besteht unsere Gruppe aus 26 Fahrern! „Ich muss irgendwie nach vorne kommen. Das Tempo ist mir zu langsam.“ Aber die Straßen sind eng. Ich weiß-wurschtel mich durch die Gruppe. Wieder vorne, kann ich das Tempo der Gruppe erhöhen. An einer Autobahnbrücke gehe ich aus dem Sattel, um kurz zu testen, ob ich mich mit ein, zwei Athleten absetzen kann. Keine Chance. „Okay. Damit muss ich leben.“ Jetzt werden die Straßen wieder breiter. Zwei Belgier lösen mich hin und wieder für 30 Sekunden ab. Das reicht mir. Das Tempo bleibt hoch. Ich frage Oliver, der deutlich schneller geschwommen ist, ob er eine Ahnung hat, wo wir liegen. „Zwei Gruppen vor uns, ca. ab Platz 4 oder 5“, ist seine Antwort. Wie geil ist das denn!? Mehr sind nicht vor?! Auf den langen breiten Straßen kann ich in der Ferne zwei Fahrer erkennen. Jetzt lohnt es sich, dass wir die erste Startgruppe waren: Alle, die vor mir sind, sind auch zwangsläufig in meiner Altersklasse. Ich mache weiter Druck, habe aber den Eindruck, dass die beiden in der Ferne auch sehr flott fahren. Bei Kilometer 18 sind meine Oberschenkel ganz schön blau. Jetzt nähert sich das letzte Stück der Radstrecke, das ich mir vorher ganz genau eingeprägt habe. Der letzte Kilometer vor der Wechselzone führt auf einem ca. 2 m breiten Radweg durch den Olympiapark. Dort möchte ich unbedingt vorne sein. Als mir das noch so durch den Kopf geht, schießt ein wuchtiger deutscher Athlet so an mir vorbei, dass ich nicht folgen kann. „Mist! Der hat wohl den gleichen Plan.“ Doch sein Antritt kam zu früh. Bei der Einfahrt in den Park haben wir ihn wieder eingeholt und ich führe die Gruppe durch den Park. Und dann wird es eng und unruhig. Jeder will als Erster die Wechselzone erreichen. Auf den letzten 100 Metern werde ich noch von vier Mitstreitern überholt. „Basst scho“ (wie der Bayer sagt). Hinter mir kommt es zu Kollisionen und Stürzen. Ich hänge gerade mein Rad ein, als sich mein Kumpel Matthias mit einem Österreicher auf die Laufstrecke macht.

Mein Wechsel ist nicht perfekt. Ich verliere den Überblick, als Wievielter ich die Wechselzone verlasse. Doch zum Glück ruft mir Götz „Platz 6“ zu. Das ist doch schon mal besser als ich gedacht hatte. Nach ca. 500 m kommt ein Wendepunkt. Das ist perfekt, da ich mir so einen Überblick verschaffen kann. Da kommt mir auch schon der führende Holländer entgegen. „Okay, der ist weg. Keine Chance. Der hat zwei Minuten Vorsprung.“ Doch vor dem Wendepunkt bin ich schon Fünfter mit 10 Sekunden Rückstand auf Platz 3. Und der Zweite ist jetzt auch nicht so weit weg, nochmal ca. 10 s vor dem Dritten. Ein Tscheche, den ich beim Radfahren nie vorne gesehen habe. Aus seiner Sicht hat er alles richtig gemacht, denn er läuft sehr stark, hatte einen Blitzwechsel. Nach dem Wendepunkt schiebe ich mich an Matthias vorbei auf Platz 4. Eine Medaille ist jetzt greifbar. Ich muss an meinen Kumpel denken: „Mein Freund. Ich werde heute für Dich kämpfen und alles geben.“ Mir läuft der Sabber übers Gesicht. Keine Zeit, den Kram abzuputzen. Das beunruhigt Anke, die es tatsächlich so schnell vom See hierher geschafft hat. Nachher würde sie zu mir sagen: „Du sahst bei Kilometer 1 schon Sch… aus!“ Nach einem Kilometer kommt die lange Steigung. Als hätte ich es vorher geträumt, dass es hier zu einem Showdown kommt. Ich gehe zusammen mit dem Drittplatzierten Österreicher in diesen Anstieg. „Das ist mein Ding! Das ist nicht so steil! Kann man gut laufen.“ Ich mache Druck und lasse den Österreicher stehen. Vor mir jetzt der Tscheche, der noch 10 Sekunden Vorsprung hat. „Okay. Mal sehen, ob ich auf der langen Bergab-Passage ranlaufen kann.“ Er schaut sich ständig um. Ein gutes Zeichen! Wieder im Flachen schließe ich zu ihm auf und „ruhe“ mich kurz aus. „Gut, Gold ist weg. Den Holländer sehe ich nicht. Die letzten 2,5 Kilometer werde ich versuchen, gegen den Tschechen taktisch zu laufen, um ihn im Schlussspurt abzuhängen.“ Als mir das so durch den Kopf geht, hat sich der Tscheche plötzlich nach hinten abgesetzt. Ich liege auf Silberkurs. Blicke mich kurz um und sehe auch keine andere Gefahr von hinten. „Komm schon, Junge! Du hast heute gute Beine. Also zeig es auch!“ Einen Kilometer vor dem Ziel geht es durch das provisorisch aufgebaute Triathlon-Stadion. Als ich einlaufe, sehe ich gerade noch, wie der Holländer hinten, ca. 200 m vor mir um die Kurve läuft. „200 Meter Rückstand. Noch ein Kilometer zu laufen. Eigentlich unmöglich.“ Und wieder geht mir durch den Kopf, dass ich keine Chance habe. Aber die möchte ich nutzen. Ich haue alles rein. Am letzten Anstieg, 600 m vor dem Ziel, ruft Götz mir zu: „Noch neun Sekunden.“ Der Holländer scheint mir entgegenzukommen. Ich bin längst schon blau. Auch andere schreien mich an, brüllen mich nach vorne. Das nehme ich zwar wahr, aber ich sehe längst nichts mehr. Nur noch den Holländer. Ich gebe alles und überhole ihn beim Einlauf ins Stadion. Glücksgefühle kommen auf. Die Endorphine schießen in meinen Körper. Ich bin geflasht und laufe als Erster durchs Ziel. Als Erster aller Teilnehmer insgesamt, weil unsere Startgruppe ja die erste war. Mein zweiter Europameisterschaftstitel und emotional sicherlich der bisher bedeutendste Titel überhaupt.

Gerne hätte ich mit den anderen Athleten bei Wasser, Apfelschorle und Obst im Nachzielbereich das Rennen nochmal Revue passieren lassen. Doch ich werde sofort zur Dopingkontrolle gebeten. Habe ich das auch endlich mal mitgemacht.

Ergebnisse: https://triathlon.org/results/result/2022_europe_triathlon_championships_munich1/544561