Wenn Du schnell laufen willst, musst Du schnell laufen! – Berliner Halbmarathon, 2. April 2017

„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin . . .“ Dieser stets im Frühjahr wiederkehrende Schlachtruf der gemeinen Fußballamsel wurde heuer auch in mein Vokabular aufgenommen, aber nicht etwa, um es mir mit Würstchen und Bier (oder Cola ? ) im Olympiastadion bequem zu machen, sondern, um die Stadt per pedes zu erkunden – und dabei noch eben einen Halbmarathon zurückzulegen. Mit dabei waren die Prontofanten als absolute Groß-Event-Rookies.
Mir wurde immer gesagt, dass die Strecke in Berlin schnell sei. Zumindest das Wetter spielte mit. Am Samstag mit 25 °C und purem Sonnenschein noch fast zu warm, hatte Petrus am Sonntag ein Einsehen mit den Läufern und reduzierte die Quecksilberskala auf 12 bis 15 Grad, während er auch ein paar Wolken vor die Sonne schob. Anfang März noch hätte ich gesagt, ich schaue mir mal bei einem lockeren Läufchen die Sehenswürdigkeiten an. Mit gerade mal 50 Laufkilometern im Februar kann man keinen Halbmarathon laufen. Doch im März hatte ich gut trainiert, sodass ich jetzt doch Lust hatte, Gas zu geben.

Unser Hotel liegt fünf Gehminuten vom Start entfernt, sodass bei einer Startzeit um 10:05 Uhr (nicht für alle!) der Morgen durchaus entspannt hätte sein können. Wenn da nur nicht die frühe Nahrungsaufnahme wäre! Als wir um 7:15 Uhr zum Frühstück gehen, stellen wir fest: Wir sind nicht die einzigen! Ach ja, es starten ja auch noch 35.000 andere mit uns! Gut, nicht alle übernachten in diesem Hotel, aber doch viele. Um viertel nach neun machen wir uns auf in Richtung Start am Alexanderplatz. Wir brauchen uns keine großen Gedanken zu machen, wie wir am besten dorthin kommen. Einfach nur der Masse nach. Wird schon richtig sein. Und dann sehen wir sie, die unendlich lange, breite Straße hier im ehemaligen DDR-Teil der Stadt. „Was wollen all die Menschen hier?“ Die Prontofanten wirken entspannt, wie richtige abgekochte Event-Profis. Bei mir macht sich langsam Aufregung breit. Warum eigentlich? Es ist weder eine Meisterschaft, noch habe ich mir etwas Bestimmtes vorgenommen. Ich merke das aber daran, dass ich noch ein bis 20 Toilettengänge unternehme so kurz vor dem Start.

Hier trennen sich unsere Wege. Während die Prontofanten sich ganz ans Ende des Feldes begeben müssen – also ca. 2 km weiter hinten ? – darf ich im ersten Startblock starten, weil ich als Referenz eine Halbmarathonzeit angeben konnte. „Macht es gut! Viel Glück! Toi, toi! Habt Spaß!“ Spaß? Die beiden Event-Rookies sind skeptisch. Beim Einlaufen sehe ich die Topfavoriten. Jedenfalls vermute ich das. Sie sind farbig und dünn. Allein dieses Vorurteil qualifiziert sie in meinen Augen schon dazu, schnell laufen zu können. Einen erkenne ich dann aber doch: Homiyu Tesfaye, Deutschlands derzeit bester 1500 m-Läufer, der später in hervorragenden 1:02,58 h Siebter werden sollte. Jetzt muss ich noch schnell in den Startblock. Schnell? Von wegen! Die Idee haben meherere. Aber wo ist hier der Eingang zu Block A. Ein Ordner schickt mich nach vorne. Der Ordner dort sagt: „äh, äh!“ Also wieder nach hinten. Ich habe das Gefühl, ich absolviere gerade schon einen Halbmarathon. Also hinten bei Block F rein und dann ganz am Rand nach vorne kämpfen. Ich bin jetzt schon nassgeschwitzt. Im Block ist es dann richtig muckelig. Umfallen kann man jedenfalls nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich ein bisschen zu weit hinten stehe, um eine schnelle Gruppe zu erwischen. Egal. Ich habe mir ja nichts vorgenommen. Das einzige, was mir gerade durch den Kopf geht als der Startschuss kracht, ist, dass es ganz cool wäre, die zweite Hälfte mal schneller zu laufen als die erste.

Das Feld schiebt sich über die Startlinie. Doch kurz dahinter kann man sogar relativ frei laufen. Ich lasse mich in der Masse treiben und werde vom Feld mitgespült. Da ich keinen Plan habe laufe ich einfach mit und schaue, was passiert. Die Straße macht einen Knick, und dann sehe ich sie, diese ellenlange, noch viel längere Straße als die, auf der der Start erfolgte. Und ich spüre den Gegenwind. Ein weitere Grund dafür, mich im Feld zu verstecken und nicht die Initiative zu ergreifen. Nach zwei Kilometern stelle ich fest, dass ich für eine Bestzeit am Start wirklich zu weit hinten gestanden habe, da sich dieser Teil des Feldes gleichmäßig mit einem Schnitt von etwa 3:45 min/km bewegt. Irgendwie habe ich nicht den Drive, dagegen etwas zu unternehmen. Und es ist ja auch ganz schön hier: Dom, Brandenburger Tor, Siegessäule – schööööön! Ich kann mich schön verstecken, habe einen Puls wie beim Chipsessen und genieße die Highlights der Stadt.

Doch in mir reift das Vorhaben, die zweite Hälfte definitiv schneller zu laufen. Bei der Halbmarathonmarke würde ich angreifen. Doch die gibt es gar nicht! Ehe ich mich versehe, bin ich bei Kilometer 11. „Okay, aber jetzt!“ In diesem Moment überholt mich ein schwarz gekleideter Läufer – Bjarne, wie ich später erfahren habe. Der läuft genau mein Tempo, das ich mir jetzt vorgenommen habe: ca. 3:35 min/km. Also hänge ich mich rein. Kleine Annekdote am Rande: Bei Kilometer 12 sagt ein Sprecher, dass es wohl heute nichts wird mit einer Siegerzeit unter einer Stunde, weil auf der ersten Hälfte zu viel Gegenwind war. Doch jetzt würden die Läufer richtig Gas geben und lägen bei einem Kilometerschnitt von 2:43 min! Ich bin auch mit 3:35 min zufrieden ? Bjarke macht Druck. Ich beiße mich in seinen nicht vorhandenen Waden fest. Ich weiß nicht, wie viele Plätze wir gutmachen. Aber es fühlt sich klasse an, im Überholmodus zu sein. Bei Kilometer 16 werden die Beine langsam schwer. Bjarke ist unnachgiebig! Kilometer 18 und 19 liegen sogar bei 3:28 min bzw. 3:26 min. Dann schwächelt er. Ich setze mich vor ihn und zwinge ihn dazu dranzubleiben. Gemeinsam erreichen wir schließlich das Ziel. Am Ende bleibt meine Netto-Uhr bei 1:18,41 h stehen. Platz 211 insgesamt, Platz 198 im Männerfeld und Platz 10 in der Altersklasse. War ganz okay. Wenn ich doch nur die erste Hälfte mehr Biss gehabt hätte!

Und was machen unsere Rookies? Nun, erst einmal hatten sie das „Vergnügen“, sich vor dem Start noch in Ruhe die Gegend um den Alexanderplatz einzuprägen, da ihr Block erst 46 Minuten nach dem offiziellen Startschuss losgelassen wurde! Aber sie hatten wenigstens Spaß – jedenfalls die ersten 15 Kilometer. Es blieb sogar die Zeit für eine paar Schnappschüsse der Sehenswürdigkeiten. Auf dem letzten Viertel der Strecke hatte der männliche Prontofant mit Achillessehnenbeschwerden zu kämpfen, die ihn hin und wieder zum Gehen zwangen. Aber die beiden bissen sich tapfer durch und erreichten leicht angeschlagen aber glücklich gemeinsam das Ziel. Am Ende standen für die Prontofanten 2:23,19 h zu Buche. Respekt! Das riecht nach Wiederholung ?

Fazit 1: Es hat Spaß gemacht!
Fazit 2: Die Strecke in Berlin in nur schnell, wenn man auch schnell laufen kann ?

Ergebnisse: http://results.berliner-halbmarathon.de/2017/