So weit die Füße tragen . . . – Mitteldistanz DM in Ingolstadt, 10. Juni 2018

„Das hier hatte ich meinem Kumpel zu verdanken“, denke ich, als meine Beine zu versagen drohen. 1900 m Schwimmen, 86,3 km Radfahren und 8 km Laufen liegen bereits hinter mir – aber 12 km per pedes liegen noch vor mir! Und ich KANN NICHT MEHR! Der Blick ist starr und die Schafe blöken. „Blökende Schafe? Habe ich schon Halluzinationen? Wo bin ich? Und vor allem: Wie bin ich hierhergekommen?“ Also gut. Der Reihe nach . . .

Ich wusste bereits vorher, dass es eine blöde Idee sein würde, bei der Deutschen Meisterschaft über die Mitteldistanz in Ingolstadt zu starten! Schließlich liegt meine letzte Teilnahme an einer solchen Streckenlänge fast 10 Jahre zurück. Ich hatte diesen Distanzen eigentlich abgeschworen. Und jetzt auch noch eine Deutsche Meisterschaft! Aber Deal ist Deal. Und da ich meinen Kumpel, Peti, zur Halbmarathon DM nach Hannover mitgeschnackt hatte (wir konnten beide aufgrund von Krankheiten nicht teilnehmen), „musste“ ich jetzt also im Gegenzug hier starten. Leider ohne meinen Kumpel, der verletzt ist. Doch ich hatte mir vorgenommen, wenigstens mal die Strecke zu besichtigen.

Der Wettkampfort in der Nähe der netten Ingol-Stadt ist sehr idyllisch. Dreh- und Angelpunkt ist ein Baggersee, in dem geschwommen und um den gelaufen wird. Das Wetter an diesem Wochenende ist absolut Triathlon-tauglich: Die Tage vor und während der Veranstaltung verzeichnen stets Temperaturen zwischen 28 und 30 Grad. Dementsprechend hat sich auch der See bis auf 24 Grad erwärmt. Im Gegensatz zu den Ligawettkämpfen, bei denen überwiegend sehr gute Schwimmer am Start sind (mit einer Ausnahme 😉 ), die stets auf ein Neoverbot hoffen, ist hier die Panik eines solchen den meisten Athleten bereits ins Gesicht geschrieben. Obwohl ich mich in der schwarzen Pelle auch etwas wohler fühle, ist es mir aber tatsächlich egal. Irgendjemand vom Kampfgericht muss ein Einsehen mit den Agegroupern haben und definiert die Wassertemperatur am Wettkampfmorgen auf 24,1 Grad, was 0,5 Grad unter der Grenze zum Neoverbot liegt. Ja, nee, is klar! Egal.

Während die ersten Startwellen bereits ab 8 Uhr auf die Strecke geschickt werden, treffe ich die letzten Vorbereitungen. Ich bin in der letzten Startgruppe von sechs, die alle mit fünf Minuten Abstand gestartet werden. „Letzte Gruppe? War da nicht was?“ Bisher hatte ich mich immer beklagt, dass „die Alten“ stets zuerst und die schnellen Jungen zum Schluss gestartet werden. Das führt unweigerlich zu einem Gewühl auf Rad- und Laufstrecke. „Dieser Veranstalter hat es mal cleverer gemacht“, dachte ich, was gleichzeitig eine weitere Frage aufwirft: „So alt bin ich schon?“ Ist wohl so. Kannste nichts machen.

Und dann kommt auch schon die Ansage der letzten 10 Sekunden und das Startsignal. Mit ordentlich Wut im Bauch nach dem Schwimmdesaster der letzten Woche in der Regionalliga hatte ich mir vorgenommen, es dieses Mal besser zu machen und offensiver anzugehen. Und es klappt! Wieder ganz am Rand aufgestellt, beginne ich mit ordentlich Druck und hefte mich gleich an meinen Vordermann. Ich kann das Tempo bis zur ersten Boje nach ca. 300 m halten. Dann folgt ein Richtungswechsel um 90 Grad nach links. „Aber wo schwimmt mein Vordermann denn hin?!“ Der driftet viel zu weit rechts ab, sodass ich leider seine Füße verlassen muss. Doch ich finde schnell neue. Die sind auch nicht schlecht 😉 Die zweite Boje kommt nach ca. 600 m und leitet eine fast 180 Grad Kehre ein, worauf eine lange Gerade von etwa 1000 m folgt. Vorher schon tauchen immer mal wieder „Blaukappen“ aus der Startgruppe vor uns auf. „Hä? Die sind doch fünf Minuten eher gestartet!“ Das ist mir in meiner „Triathlonlaufbahn“ auch noch nicht passiert, dass ich mal in das Starterfeld vor mir aufschwimme! Mein Vordermann macht alle 100 m immer mal einen Brustzug. Ich vermute, um sich zu orientieren. Es sei ihm gegönnt, so lange er uns auf der Ideallinie hält. Doch nach etwa 1000 m scheint er komplett in die Brustlage übergehen zu wollen. „Na nu? Das ist ja blöd! Lief doch so gut bisher. Hau rein!“ Keine Chance. Ein paar Meter vor uns erblicke ich noch ein „Rotkäppchen“ aus meiner Startgruppe. Da ich nicht wählerisch bin und es bisher so gut lief, traue ich mich, einen kurzen Sprint einzulegen und dorthin zu „springen“. Mittlerweile ist das Feld richtig dicht geworden. Denn nicht nur „Blaukappen“ sind um uns herum, nein, wir sind bereits in das Frauenfeld aufgeschwommen, das 10 min vor uns gestartet wurde. Doch „meine“ Vorderfüße pflügen förmlich durch das Feld – und ich in seinem Wasserschatten hinterher. Bei der letzten Wendeboje nach ca. 1600 m verliere ich kurz den Kontakt. Doch wieder bringt mich ein Zwischenspurt an seine Füße und spült mich mit dem siebtbesten Schwimmsplit meiner AK und dem 76sten von 900 Teilnehmern ans Ufer, Zeit: 30:11 min – unglaublich!

Doch jetzt beginnt das eigentliche Rennen für mich erst. Ich habe keine wirkliche Ernährungsstrategie, die aber eigentlich bei einer solchen Distanz unbedingt von Nöten ist. So ziehe ich mir in der Wechselzone erst einmal zwei Gels rein – lecker. Ungewohnt ist außerdem das Anziehen von Socken. Muss aber sein. Und rauf aufs Rad. Ah, wichtig, Tacho starten. Denn, was nicht auf Strava aufgezeichnet ist, wurde nicht gemacht! 😉

Die ersten zwei Radkilometer führen über kurvige enge Forststraßen. Es besteht Rechtsfahrgebot, dessen Missachtung allerdings nicht sanktioniert würde. Okay, dann darf ich also auch überholen. Fun Fact am Rande: Kurz hinter mir startet ein Kampfrichtermotorrad. Das sollte noch eine Rolle spielen. Auf der Radstrecke ist es ziemlich voll. Während die meisten noch damit beschäftigt sind, ihre Puschen anzuziehen, kann ich schon Vollgas geben. Da kommen mir die schnellen Wechsel aus der Liga doch entgegen. Nach 2 km geht es auf die Bundesstraße und somit in die erste von zwei Runden. Auch dort bin ich im „Überholmodus“. So lange, bis mich ein Athlet ausbremst. Der möchte überholen, schafft es aber nicht. Also muss ich mich aufrichten, die Beine hochnehmen und sogar abbremsen, um die Windschattenbox einzuhalten. In diesem Moment kommt der besagte Wettkampfrichter (leider seid Ihr nicht nummeriert!) neben mich und ermahnt mich, ich solle nicht immer links fahren. Wohl gemerkt: Er fuhr bereits 6 km hinter mir her und musste eigentlich sehen, dass ich schneller bin und nur an den anderen vorbei möchte. Ich frage nochmal nach, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich es richtig verstanden habe. Er bestätigt und droht mir mit dem Zeigefinger. Ich nicke, gelobe Besserung und denke: „Du mich auch.“ Danach bringt dieser Wettkampfrichter (ich würde mich freuen, wenn er das hier liest) ein Glanzstück der Inkompetenz! Er fährt ein Stück vor und guckt sich den Nächsten aus. Er fährt gefühlte zwei bis drei Minuten neben ihm leicht links von der Straßenmitte, sodass man nicht vorbei kann. Da der Athlet und somit auch der Kampfrichter auf seinem Motorrad aber deutlich langsamer ist als die, die von hinten drücken, bildet sich im Nu eine riesige Traube hinter dem Motorrad. Ich traue mich schon gar nicht mehr zu überholen. Aber einem platzt der Kragen. Er fährt links vorbei und schreit ihn an, er solle sich vom Acker machen. Das funktioniert. Unglaublich, aber wahr. „Okay, Problem gelöst“. Denkste. Das nächste Problem steht an, bei dem ich mich an meine Ironman-Zeit erinnert fühle. Ich möchte gerne meine Vorgabe einhalten und mit einer bestimmten durchschnittlichen Leistung fahren, um mir das Rennen gut einzuteilen und nicht zu überzocken. Dann werde ich von einem Konkurrenten meiner Startgruppe überholt. „Okay, kein Problem.“ Ich lasse sofort 12 m Abstand. Schon sticht der nächste Athlet in diese Lücke. Er hält keine 12 m zum Vordermann. Ich lasse mich wieder fallen, da kommt auch schon der nächste. Insgesamt sind es sechs, die dann aber langsamer werden. Also fahre ich wieder an allen vorbei und pendle mich bei meinen Watt-Werten ein. Und schon beginnt das Spiel von vorne. Das Ganze mache ich drei Mal mit. Dann wird es mir zu viel und gebe Gas, setze mich von der Gruppe ab. Das führt dazu, dass ich nach 20 km 15 Watt über meinem angepeilten Schnitt liege. Zu viel. Aber ich bin wenigstens die Gruppe los. Die Strecke ist profiliert: ein längerer und zwei kürzere Anstiege und eine Rampe pro Runde. Den längeren Anstieg fährt man auch genauso wieder runter. Nach der Hälfte der Runde geht es wieder zurück Richtung Wendepunkt zur zweiten Runde. Auf dem Rückweg herrscht leichter Rückenwind und ich mache es mir gemütlich. Klack. „Was war das? Doch nicht etwa einen Platten?!“ Nein, nur eine Wespe, die es zwischen Brille und Aerohelm unter meinen Helm schafft. „Eine Wespe?! Sch… Anhalten und Helm absetzen? Nein, keine Option!“ Also frickel ich mit meiner Hand unter dem Helm rum, bis ich mir sicher bin, die Wespe nach ihrem erfolgreichen Stich vertrieben zu haben. Mist! Kurz vor dem Wendepunkt zur zweiten Runde überhole ich noch eine rote Nummer. Viel mehr dürften jetzt aber nicht vor mir sein. Er versucht mitzugehen, schafft es aber nur zwei, drei Kilometer. Und auf zur zweiten Runde, die ich ziemlich alleine bestreiten kann. Auf der langen steilen Abfahrt überholt mich plötzlich ein Athlet. „Ein Athlet? Nein: eine Athletin! Hä? Okay“, denke ich mir als ich sie sehe, „hier schlägt die Hangabtriebskraft voll zu Buche“ 😉 Auf der Geraden bin ich schnell wieder an ihr vorbei. Jetzt geht es nur noch 20 km zurück zur Richtung Wechselzone. Ich halte mit meinen Kräften Haus, um beim Laufen so richtig einen rauszuhauen.

Der zweite Wechsel funktioniert gut. Eben noch schnell ein Gel rein und ab auf die erste von vier Laufrunden á 5 km. Ich habe Glück: In dem Moment, als ich auf die Runde gehe, kommt gerade ein jüngerer Athlet aus einer vorderen Startgruppe an mir vorbeigelaufen und geht in seine zweite Runde. Was das mit Glück zu tun hat? Nun ja, er läuft genau das Tempo, welches ich mir vorgenommen habe, nämlich 3:45 min / km. „Super“, denke ich, „das klappt ja gut.“ Zu früh gefreut! Die Sonne steht im Zenit. Es sind 30 Grad. Die Laufstrecke um den See ist eine Schotterpiste, relativ flach. Zu flach, dachte sich wohl der Veranstalter und hat eine steile Brücke über dem Schwimmausstieg errichtet, die auf jeder Runde überquert werden muss. Ich weiß schon auf meiner ersten Runde, dass das nachher ziemlich weh tun wird. Die ersten fünf Kilometer bleibe ich deutlich unter einem 4er Schnitt. Doch dann beginnt das Leiden! Die Beine werden immer schwerer. Jetzt beginnt das Kopfkino. Zuerst denke ich, dass ich mich so jetzt nicht sehen will. Ich glaube, ich sehe sch…lecht aus. Dann verfluche ich meinen Kumpel Peti, der mir das eingebrockt hat: „Muss es denn eine Mitteldistanz sein? Eine olympische Distanz hätte es doch auch getan! Da wäre ich mit dem Laufen wenigstens gleich fertig.“ Aber so habe ich noch 12 km vor mir. Und immer wieder die blökenden Schafe. Doch, es gibt sie wirklich. Ehrlich! Sie weiden direkt an der Laufstrecke. „Doch keine Halluzination“, das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass sie mich wohl auslachen, denn das, was ich hier mache, hat nicht mehr viel mit Laufen zu tun. „So hast Du es nicht verdient, Deutscher Meister zu werden – nicht mit dieser Laufperformance!“ Das einzige, was mich vom Gehen abhält, ist der Gedanke, dass alles andere schneller ist, als zu gehen. Einzig der Wille treibt mich voran, denn noch habe ich das Gefühl, relativ weit vorne zu liegen. Wo genau, weiß ich nicht. Aber vielleicht noch auf einem Treppchenplatz. Doch dann, kurz vor Ende der dritten Runde überholt mich einer mit ner roten Nummer, also aus meiner Startgruppe. „Mist, jetzt kommen die schnellen Läufer von hinten. Das könnte der erste sein. Aber wenn jetzt weitere folgen . . .“ Ich mobilisiere die letzten Kräfte, versuche mich, an seine Fersen zu heften und komme wieder auf Splitzeiten von 4:15 min / km. „Oh je, wo ist das Ziel?“ Der Typ setzt sich wieder ab und hat jetzt 50 m Vorsprung. Kurz verschwende ich einen Gedanken daran, ihn beim Schlussspurt im Zielkanal zu versägen, gleichwohl: Der Geist ist willig, die Beine schwach! Ich resigniere und gebe auf. „Doch was ist das?“ Als der Zielkanal näher rückt, biegt der Typ gar nicht ab, sondern geht auf eine weitere Laufrunde. Völlig platt erreiche ich nach 4:10,07 h das Ziel mit der zu meinem Erstaunen schnellsten Laufzeit (1:24,52 h) meiner Altersklasse! Da haben die anderen wahrscheinlich ähnlich gelitten wie ich. Zu meiner Überraschung darf ich mich jetzt auch Deutscher Meister über die Mitteldistanz nennen. Damit habe ich nie gerechnet! Plötzlich schießt mir durch den Kopf, dass ich auch das meinem Kumpel Peti zu verdanken habe: Danke, Peti! Ich habe nie daran gedacht – Du schon! Jetzt bin ich Deutscher Meister über die Sprint-, Kurz- und Mitteldistanz! Wie geil ist das denn!

Erst einen Tag später erfahre ich, dass ich mit dem Zweitplatzierten, Matthias Klumpp, einen ehemaligen Langdistanzprofi hinter mir gelassen habe, der mehrfach den Ostseeman gewonnen hat, Europameister (Elite) auf der Langstrecke und bereits 10. in der Gesamtwertung auf Hawaii war und in seiner Profikarriere regelmäßig die Langdistanzen unter 9 Stunden bewältigt hat! Hätte ich das vorher gewusst . . .

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