Hoping for the best, but expecting the worst! – EM olympische Distanz in Kitzbühel, 18. Juni

Seit drei Jahren versuche ich nun vergeblich, mal wieder an einer internationalen Meisterschaft teilzunehmen! Immer wieder kam mir in den letzten Jahren etwas dazwischen: Handgelenkbruch, grippaler Infekt, Hüftverletzung usw. Stets musste ich meine Meldung zurückziehen oder das Rennen, obwohl bereits vor Ort wie z.B. in Chicago, kurzfristig canceln. In diesem Jahr sollte eigentlich alles anders werden. EIGENTLICH! Endlich fühlte ich mich bis in den April hinein fit genug, um meine erste Medaille bei Europameisterschaften zu gewinnen – und dann das! Erst musste ich die Duathlon DM am 30. April (mal wieder) kurzfristig absagen, weil mich wenige Stunden vor dem Start ein Infekt heimsuchte. Und dann, Ende Mai, erkrankte ich schwer an einer bakteriellen Infektion auf dem Weg (!) ins Trainingslager. Das führte nicht nur zu einem Trainingsrückstand, sondern auch wenige Tage vor meinem ersten Saison-Höhepunkt zu einer zweiwöchigen vollständigen Bewegungsunfähigkeit. Europameisterschaft ade? Bereits vor drei Jahren musste ich kurzfristig bei der EM in Kitzbühel passen. Jetzt wieder?

Drei Sportfreunde sind „schuld“, dass ich die lange Fahrt ins Ungewisse nach Kitzbühel überhaupt antrete. Da ist zum einen mein Mitstreiter, Altersklassen-Kollege und Schwimrakete Matthias, der mich davon abhielt, den Wettkampf während des Tiefpunktes meiner Erkrankung – körperlich wie mental – abzusagen. Zum anderen ist da das Wadenmodel Joachim, der mich behutsam aufbauend durch die Erkrankung geführt hat und IMMER erreichbar für mich war. Doc, Du bist der Beste! Und dann ist da noch der Champ, der mir den Kontakt zu einem genialen Physio vermittelt hat! Was hat dieser nun schon wieder mit meinem bakteriellen Infekt zu tun? Gar nichts! Aber dafür hiermit: Zwei, drei lockere Trainingseinheiten eine Woche vor der EM signalisieren mir, dass ich zumindest das Ziel erreichen sollte. Doch was ist eigentlich das Ziel? Nach allem, was in letzter Zeit geschehen ist, ist mein Ziel jetzt, gesund am Start zu stehen! Und auch das rückt vier Tage vor Kitzbühel in weite Ferne, weil ich plötzlich wie aus heiterem Himmel massive Probleme mit meiner rechten Schulter und meiner rechten Oberschenkelmuskulatur habe. Der Champ empfiehlt mir einen Physio, der mich notfallmäßig drei Tage vorher „behandelt“. In dem Moment, da ich die Hände des Physios spüre, weiß ich nicht, ob ich dem Champ dankbar oder böse sein soll! Denn was der Phyiso mit mir macht, führt schon fast dazu, dass unsere Nachbarn die Polizei rufen. So laut müssen meine Schreie sein, um den Schmerz herauszuschreien und das Knacken meiner Gelenke zu übertönen. „Weiß er, was er macht?“, geht mir durch den Kopf, auch, weil ich mich danach nicht mehr bewegen kann und Muskelkater in den Oberschenkeln und im Nacken habe. Wie soll das am Sonntag gehen? Ein Wechselbad der Gefühle! Vorgestern noch hatte ich mich auf einen Start gefreut. Heute verschwende ich einen großen Gedanken daran, über die Maskottchen-Rolle für Matthias nicht hinauszugkommen.

Wir reisen bereits am Freitag an. Die Vorfreude und die sonst übliche Anspannung vor dem Wettkampf ist zu Hause geblieben. Zu groß ist die Sorge, ob ich am Sonntagmorgen gesund aufwache und ob die Schulter und der Oberschenkel halten werden. Nach der Massage fühle ich mich jedenfalls auch heute noch wie durch den Fleischwolf gedreht! Das normale Prozedere der Registrierung und die Inspektion der Wettkampfstätte rund um den Schwarzsee bei Kitzbühel spule ich emotionslos ab. Immer wieder wandern meine Gedanken vom Kopf zur Schulter zum Oberschenkel. „Musste das sein? Nach dem bakteriellen Infekt fühle ich mich eigentlich ganz gut. Warum denn jetzt auch das noch?!“ Die Wettkämpfe der Junioren und Elite am Freitag und Samstag lenken mich ein wenig ab. Doch spätestens als wir mit unseren Rädern am Samstagabend zum Bike Check-In radeln, werde ich wieder an meine Beschwerden erinnert: Leichter Druck auf’s Pedal führt zu einem Stechen im Oberschenkel! „Champ, ich hoffe, der Physio versteht sein Handwerk!“ Während ich in der Nacht vor einem Wettkampf üblicherweise nicht schlafen kann, weil ich zu aufgeregt und angespannt bin, schlafe ich diese Nacht nicht, weil ich mir überlege, was besser ist: Wenn ich Beschwerden im Wettkampf habe, aufzuhören oder lieber locker und entspannt das Ding zu Ende zu machen? Für Beides gibt es gute Argumente.

Anyway. Da ist es auch schon 5 Uhr morgens. Start ist um 7:40 Uhr. Also schnell noch ein Brötchen reindrücken, die letzten Handgriffe, ein paar Gedanken verschwenden – davon habe ich ja genügend – und auf in Richtung Wechselzone. Wenigstens das Wetter ist gut drauf: strahlend blauer Himmel, jetzt schon 11 Grad und im Laufe des vormittags steigend bis auf 19 Grad. Und wie kalt ist der See? Das ist die spannende Frage eines jeden Triathleten. Bis 21,9 Grad Wassertemperatur ist ein Neo erlaubt, darüber hinaus verboten. Während wir zwischen 6 und 7 Uhr noch unseren Wechselplatz herrichten dürfen, wird verkündet, dass die Wassertemperatur bei 21,9 Grad liegt. Ach was 😉 Ich sehe jede Menge Briten um mich herum, die mit 389 Athleten das größte Teilnehmerfeld stellen, danach Österreicher mit fast 200 und die Deutschen mit 68 Athleten. Außerdem ist meine Altersklasse (M45) die mit Abstand größte mit 82 Startern. Und nicht nur das. Es sind nicht nur die stärksten deutschen Athleten der M45 am Start, die allesamt die Deutsche Meisterschaft über diese Distanz ausgelassen haben, die eine Woche zuvor im Kraichgau stattfand. Ein Teamkollege erzählt uns auch, dass alle Welt- und Europameister der letzten Jahre aus unserer Altersklasse am Start sind – und Volodymyr Polikarpenko, ein ehemaliger Olympiateilnehmer, Elite-Athlet, Europameister der Elite und Weltcup-Starter! Na herzlichen Glückwunsch! All das ist aber zusätzlich beruhigend für mich. Denn selbst, wenn ich eine optimale Vorbereitung gehabt hätte, würde ich keine Chance haben – oder so.

Die Starter der unterschiedlichen Altersklassen werden in fünf Minuten Abständen in den See geschickt. Es geht los mit den älteren Herren der M55. Zum Schluss sind die Jungs der M18 dran. Alle anderen Altersklassen waren bereits am Samstag am Start. Ich halte die Startreihenfolge für suboptimal, weil sich spätestens auf der Radstrecke das Feld zusammenschieben wird, wenn die jüngeren die älteren Dreikämpfer einholen. Egal, ich habe andere Probleme! Jetzt wird’s langsam ernst. Einschwimmen ist nicht erlaubt. Eine Minute vor dem Start dürfen wir ins Wasser. Im Schwarzsee wird eine 1500 m Runde in L-Form geschwommen. Das Gute ist, dass zunächst eine lange Gerade von ca. 400 m ansteht, bevor es an der ersten Boje eng würde.

„Was macht die Schulter? Was macht der Ober…“, zack und es geht los! Keine Zeit mehr an irgendetwas zu denken. Automatisch kreiseln meine Arme im warmen See. „Schulter, bist Du da?“ Ich höre keine Antwort. Alles gut! Also weiter. Das Schwimmen ist entspannt: kein Prügeln, kein Gedränge. Ab und zu habe ich mal ein paar Füße vor mir, dann wieder nicht. Plötzlich, nach ca. 1000 m habe ich dann aber Füße im Gesicht! „Wo kommt der denn her?!“ Sogar ICH schaffe es, in die vor uns gestartete Gruppe zu schwimmen! Gibt’s ja gar nicht! Das Wasser verlasse ich nach 20:53 min. Ganz okay für mich. Platz 23. Aber, über vier Minuten langsamer als Polikarpenko – unglaublich! Auch Matthias ist über zweieinhalb Minuten schneller als ich und kommt als Zweiter aus dem Wasser! Das ist mir zu diesem Zeitpunkt aber herzlich egal, weil es für mich jetzt spannend wird. Was wird mein Oberschenkel auf dem Rad sagen?

Wechsel, verbesserungswürdig. Rauf auf’s Rad. Zwei, drei kräftige Antritte, um in Fahrt zu kommen und ich merke – nichts! Okay. Danke lieber Muskel. Danke lieber Physio! Danke Champ! Drei Runden sind zu absolvieren á 13,6 km. Zuerst geht es fast 6 km leicht bergab mit einigen Kurven. Die Radstrecke ist schon ziemlich voll. Ich überhole einen Briten, der mich, ich ihn, er mich usw. Ist der stark! Ja, Radfahren können die Briten! Am Ende der abschüssigen Strecke schaue ich auf den Tacho: Schnitt = 46,3 km/h! Dann geht es in den Anstieg. Auf ca. 2,6 km gilt es 200 Höhenmeter zu überwinden. „Wo ist der Brite?“ Ich dachte schon, wir Norddeutschen können keine Berge. Aber die Briten wohl noch viel weniger 😉 Umso überraschter bin ich, als ich ein paar Österreicher und Schweizer überhole. Spätestens jetzt bin ich im Wettkampfmodus! Dann geht es auf die kurze, aber höllische Abfahrt, auf der ich „nur“ eine maximale Geschwindigkeit von 70,4 km/h erreiche, weil sich hier einige Athleten auf der nur drei Meter breiten Straße knubbeln. „Warum sind die Bäume hier mit dicken orangefarbenen Matten gepolstert? Ja sind wir denn beim Skifahren?“ Offenichtlich ja, zumindest, was das Risiko angeht. Denn die orange Farbe signalisiert auch, dass es davor eine 90-Grad-Kurve gibt! Am Ende der letzten Kurve erreicht ein beißender Gestank mein Riechorgan! „Wer, bitte schön, verbrennt denn hier alte Autoreifen?“ Nee, sind die Bremsbeläge der zahlreichen Dreikämpfer! Meine können es nicht sein – die sind aus Kork 😉 So, jetzt kommt mein Abschnitt: Es geht auf der gleichen Strecke fünf Kilometer zurück bis zum Wendepunkt, jetzt leicht bergauf. Runde eins – check. Ich habe keinen blassen Schimmer, an welcher Stelle ich liege. Die Radstrecke wird immer voller. Das Überholen in dritter oder vierter Reihe immer aufwendiger. Aber all das ist mir egal. Ich fühle mich gut! Komischerweise wird auch der Berg mit jeder Runde immer höher. Ein seltsames Phänomen. Mit der besten Radzeit erreiche ich nach einer Zeit von 1:06,01 h (38er Schnitt) die Wechselzone – mit Matthias. Da er ein exzellenter Schwimmer und ein sehr guter Radfahrer ist, habe ich die Hoffnung, relativ weit vorne zu sein. Aber wie weit? Und was geben die Beine noch her, die sich ganz schön schwer anfühlen nach diesem Ritt?

Beim Wechsel nehme ich aus dem Off die Stimme des Sprechers wahr, der irgendetwas faselt von „Polikarpenko, thirty seconds.“ „Was heißt das jetzt? Führt der jetzt mit 30 Sekunden, oder was?“ Gemeinsam mit Matthias gehe ich auf die Laufstrecke und versuche meinen Rhytmus zu finden. Ich sollte noch feststellen, dass das aussichtlos ist, weil es pro 5-Kilometer-Laufrunde ständig auf und ab geht und insgesamt pro Runde 200 Höhenmeter zu überwinden sind. Nach 500 m kommt ein Wendepunkt und mir ein Läufer entgegen. „Also, Polikarpenko ist das nicht!“ Es ist Pelle, ein Däne, der verdammt schnell läuft und in meiner Altersklasse ist. „Ist Polikarpenko jetzt noch weiter vor?“ Nein, wie ich nach 800 m feststelle, als ich einen stechenden Schmerz in meinen Waden verspüre. Denn genau in diese hat sich der Ukrainer gerade eben verbissen 😉 Er ist also aufgelaufen zu mir. Ich wähne mich an Position zwei oder drei – mit einem ehemaligen Olympiateilnehmer im Nacken. Na super! Was ich auch versuche, ich werde ihn nicht los. Die erste Runde absolviere ich in 19:05 min, sehe den Dänen, der sich nicht weiter abgesetzt hat und versuche nochmal ranzulaufen – vergeblich. Dann ernte ich auch noch von Polikarpenko das zweifelhafte Kompliment: „good job.“ Okay, jetzt beschließe ich, taktisch zu laufen. Den Dänen werde ich nicht mehr bekommen, und der Ukrainer lutscht, um mich auf der Zielgeraden zu überspurten. Dann wäre ich vielleicht nur Vierter. Und jetzt, da ich es doch soweit geschafft habe, möchte ich unbedingt eine Medaille – UNBEDINGT! Ich nehme ein bisschen Tempo raus, forciere an den Anstiegen etwas und nehme wieder Tempo raus. „Wann wird er angreifen?“ Wir biegen auf die ca. 500 m lange Zielgerade. Die Sonne steht im Rücken, sodass ich den Schatten des Ukrainers sehen kann. Jetzt, 300 m vor dem Ziel, schießt er an mir vorbei, hat zwei, drei, vier Meter Vorsprung. NEEEIIIIIIIIIIIN, so nicht! Ich halte dagegen, kontere. Als ich den blauen Zielteppich erreiche, der die letzten 100 m markiert, hat mein Körper wohl eben diese Farbe 😉 Ich blicke mich um – 5 m Vorsprung. Irgendjemand hält mir eine Deutschlandfahne hin. „Doch nicht jetzt! Ich bin gerade im Tunnel,“ und renne was das Zeug hält. Geschafft! Ein Helfer kommt auf mich zu und fragt mich, ob es mir gut geht. „Was soll das denn heißen? Sehe ich so besch… aus? Du solltest mal erst den anderen sehen. Frag‘ doch mal den Ukrainer!“ Dieser stürzt nämlich drei Sekunden nach mir ins Ziel und kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Schnell wird klar: Nur Pelle ist vor mir! Vize-Europameister! Unglaublich! Unfassbar! Nach dieser Vorgeschichte! Irgendjemand schüttet gerade einen Kübel voller Endorphine über mich aus. Nichts tut mir mehr weh!

Volodymyr ist ein fairer Sportsmann. Er freut sich für mich, bedankt sich, dass ich ihn so lange gezogen habe und gratuliert mir von Herzen. Der Däne war zu stark! Matthias wird hervorragender Fünfter und muss sich nur noch einem britischen zweimaligen Weltmeister geschlagen geben. Die anderen beiden deutschen Starter werden Neunter und Zehnter. Was für ein Mannschaftsergebnis: vier Deutsche unter den ersten 10! Es ist meine erste internationale Medaille seit 2013 und gleichzeitig meine erste europäische Medaille. Es fühlt sich klasse an. Die Siegerehrung und den Rest des Tages verlebe ich wie im Rausch und habe arg damit zu tun, all die Endorphine wieder abzubauen 😉

 

 

 

Ergebnisse: http://www.triathlon.org/results/result/2017_kitzbuehel_etu_triathlon_european_championships/310022

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