Deutsche Meisterschaften über die olympische Distanz, 21. August 2016

DSC_7143Eigentlich war meine Saison schon gelaufen – EIGENTLICH. Dieses Mal allerdings im positiven Sinne. Ich hatte meine Saisonziele bereits im Frühsommer mehr als erreicht: Ich wollte wieder beschwerdefrei Sport machen können und ein einziges Mal in der Zweiten Liga starten dürfen. Ersteres klappte nach der langen Verletzungspause im Winter und Frühjahr spät aber doch, und aus einem Start in der zweiten Bundesliga sind bisher sogar vier geworden. Also hätte ich mich doch schön an diesem letzten Olympia-Wochenende auf das Sofa zurückziehen und unseren Triathleten zuschauen können, wie sie in Rio an der Copacabana um die Medaillen kämpfen. Ach ne, die waren ja gar nicht dabei. Also musste ich doch selber ran und machte mich auf zur Deutschen Altersklassen-Meisterschaft über die Olympische Distanz in Immenstadt. Zum ersten Mal würde ich unterhalb des 51sten Breitengrades an einer Meisterschaft teilnehmen. Ob das so eine gute Idee ist für ein Nordlicht, in für hiesige Verhältnisse hochalpinem Gelände zu starten? Immerhin hatte ich prominente Unterstützung in Bettina Lange und Jens Krohn! Wir drei hatten vor, den Süddeutschen zu zeigen, dass wir auch hier einen (Kling-)Berg haben 😉

Die Organisation dieses 34. Allgäu-Triathlons – und damit des ältesten Triathlons Deutschlands – war klasse! Eine Pasta-Party vorher und ein Finisher-Buffet, was sich vor keiner Ironman-Veranstaltung zu verstecken braucht. Kein Wunder, da ja mit Hannes Blaschke ein Kenner der Triathlon-Szene seit ein paar Jahren den Hut bei diesem Kult-Rennen aufhat. Nur für eines hat Hannes nicht gesorgt: die Berge flach zu machen 😉 Aber dazu später mehr.

Die Nacht vor dem Rennen war besch…eiden. „Warum habe ich kaum ein Auge zubekommen? Ich war doch nicht aufgeregt“ – NEEEEEIIIIN 😉 Jedenfalls freute ich mich eigentlich auf das ungleiche Kräftemessen mit den Bergkönigen dieser Region – ODER? Vielleicht war es die Aussicht auf die schlechte Wettervorhersage: 16 Grad und teilweise Regen! Das würde nasse Straßen bedeuten, die bei diesen teilweise sehr steilen Abfahrten bis 17% nicht ungefährlich sind. Oder war es der prasselnde Regen die ganze Nacht hindurch? Nein, jetzt, da ich um 5:30 Uhr am Frühstückstisch sitze, weiß ich es: Es war diese hyperaktive (blöde) Kuh auf der Weide hinter unserer Unterkunft. Die haben hier alle Glocken um den Hals. Ich wusste gar nicht, dass Kühe nachtaktive Tiere sind! Na warte . . .

DSC_7155Glücklicherweise ist es beim Einchecken trocken. Zumindest von oben. Denn den Festigkeitsgrad der Wiese in Bühl am Alpsee, auf der die Wechselzone ist, könnte man getrost als „knöcheltief“ bezeichnen. „Ja bin ich denn hier bei Tough Mudder?“ Obwohl es heute quasi eine Premiere in dieser Saison für mich ist – meine erste Olympische Distanz dieses Jahr – sitzen die letzten Handgriffe. Jetzt heißt es aber, schnell den Kleiderbeutel abzugeben, sich durch das Gewusel der Menschenmassen zu drängeln (insgesamt sind ca. 2000 Triathleten über Mittel-, olympische und Sprint-Distanz am Start) und noch ein paar Meter einzuschwimmen. In insgesamt vier Startgruppen sind fast 800 Starter über die Olympische Distanz dabei. Ich bin in der ersten Gruppe um 8:55 Uhr, Jens in der zweiten fünf Minuten später und Bettina in der vierten, eine Viertelstunde hinter mir. Mein Ziel ist es, vor Bettina aus dem Wasser zu kommen 😉

Ein Kanonendonner bringt die quasselnden Triathleten zum Schweigen und alle prügeln auf’s Wasser ein als wäre es der Feind. Da der See um die 21 Grad misst, ist die schwarze Pelle erlaubt. DSC_7185Mit einer neuen Strategie komme ich gut in den „Flow“ und finde schnell meinen Rhythmus. Nach zwei Richtungsänderungen geht es zurück in den Mini-Hafen, von wo wir gekommen sind. Schwimmaustieg nach 13 Minuten! Hä? Ach ja, stimmt ja, ist ja nur ein 60 Meter langer Landgang. „Meinetwegen könnte das Schwimmen jetzt schon beendet sein“, DSC_7169denke ich, da die Arme langsam schwerer werden. „Doch zu lange keine Olympische Distanz mehr gemacht!“ Aber nein, es geht mit einem Hechtsprung wieder zurück ins Hafenbecken. „Wo ist nur der Rhythmus? Habe ich ihn an Land gelassen?“ Nach ein paar Metern ist er aber wieder da. Jetzt bin ich sogar in einer kleinen Gruppe und kann schön die letzten 700 Meter ein bisschen „lutschen“. Ich glaube, dieser Triathlon ist der einzige, bei dem sogar die Schwimmstrecke Höhenmeter aufweist. Jedenfalls zeigt das meine Uhr nach dem Stoppen in der Wechselzone: 15 m Anstieg! Diese sind nach dem Schwimmaustieg zu DSC_7180bewältigen und sorgen für ordentlich Schnappatmung bevor ich das Rad erreiche. Mit Platz 60 gesamt und einer Zeit von 23:48 min bin ich sehr zufrieden, liege ich doch für meine Verhältnisse „nur“ eineinhalb bis zwei Minuten hinter dem Großteil der Führenden. Und auch Bettina hat mich nicht eingeholt 😉 Sie war allerdings mal wieder schneller als fast alle Männer!

DSC_7191So, jetzt kommt das Radfahren. Normalerweise freue ich mich auf diese zweite Disziplin. Heute bei den nassen Straßen habe ich allerdings gehörigen Respekt. Und 600 Höhenmeter klingen nicht viel. Aber verteilt auf 42 Kilometer ist das auch nicht ohne! (Der geneigte Langdistanz-Triathlet kalkuliert schnell ca. 2700 Höhenmeter auf 180 km!) Zunächst sind die Straßen noch trocken und auf den zwei Kilometern nach Immenstadt rein kann ich bereits die ersten Plätze gutmachen. Dann geht’s los: Linkskurve, Rechtskurve, wieder Linkskurve und dann steht er da! Mitten in der Stadt! Der Kalvarienberg. Hat Hannes den extra in die Stadt gebaut? 17%. Gefühlt nach dem Schwimmen und den ersten schnellen Radkilometern eher 27% 😉 Ca. 500 Meter lang. Die Menschenmassen treiben uns hier hoch. Das ist auch notwendig, denn ansonsten würde ich jetzt absteigen. Fast oben, schäppert es gewaltig, und ich sehe, wie ein Athlet gegen einen Blumenkübel gefahren ist! Hä? Laktat-Schock! So, und jetzt geht’s auch schon los mit den ersten Abfahrten auf noch von der Nacht feuchten Straßen. Nach 4 km das erste längere Flachstück. DSC_7207Endlich kann ich in Aeroposition Druck und Plätze gut machen. Meine Freude währt nicht lang, denn bei Km 10 beginnt ein sieben Kilometer langer Anstieg mit wechselnden Steigungen. Ich fliege an den Konkurrenten vorbei. „Warum eigentlich? Ich bin doch hier das Nordlicht!“ Kurz überlege ich, ob Kienle um seine Radbestzeit aus dem letzten Jahr bangen muss, da kommt auch schon die nächste Rampe. Doch wohl nicht. Am Ende ist er im letzten Jahr etwas mehr als eine Minute schneller gewesen. Bei Kilometer 15, zwei Kilometer vor dem höchsten Punkt, erblicke ich den Namen meines Hauptkonkurrenten in meiner Altersklasse. „Okay, jetzt beginnt das Rennen. Alles auf Null.“ Allerdings: „Wie viele sind noch vor uns? Gibt es noch andere ‘Lokal Heroes‘, die ich nicht auf der Liste habe?“ Also: „Weiter Druck machen!“ Nur blöd, dass es jetzt anfängt zu regnen, kurz bevor die steilen Abfahrten kommen. Ich blicke mich kurz um, ob jemand „dran“ ist, den ich bei den Schussfahrten fürchten müsste, oder ob ich die Kurven schön ausfahren kann. Alles gut. Maximum Speed: 72,6 km/h. Unterbrochen von ein paar Wellen, geht es immer wieder bergab – ruckzuck. Dann ist die Hauptstraße erreicht. Hauptstraße? Wir müssen auf den Radweg! Ja, richtig! Dieses ist der einzige Triathlon, den ich kenne, bei dem man auf dem Radweg fahren muss. In Bayern hat halt alles seine Ordnung 😉 Sind aber nur drei Kilometer. Und bei den gleichen drei Kilometern zurück dürfen wir wenigstens eine Straßenseite benutzen. Am Wendepunkt sehe ich zum ersten Mal meine Platzierung: 5. Auf den letzten 12 Kilometern geht es nie flach zu und die Positionswettkämpfe sind so gut wie abgeschlossen. Einen Platz kann ich noch gut machen und erreiche als Vierter mit der zweitbesten Radzeit des Tages (nur 11 Sekunden langsamer als der Schnellste) die Wechselzone. Schnitt: 36,1 km/h.

Aber ich habe jetzt schon dicke Beine! „Wie soll ich denn jetzt bloß noch laufen, zumal es die Laufstrecke auch in sich hat?“ Aus der Wechselzone raus geht es genauso wie man vom Schwimmen reingekommen ist. Also erst einmal 15 Meter im „Tough-Mudder-Style“ die Wiese runter. Die Beine geben nach. Gerade noch so vor dem Gebüsch die Kurve gekriegt – puh. „Okay, jetzt ist es flach. Tempo aufnehmen“, versuche ich, mich anzufeuern. Aber es kommt nichts. Die Beine bleiben dick. Ich komme nicht in den „Flow“ wie beim Schwimmen. Gut nur, dass es nach einem Kilometer wieder hoch geht 😉 Toll! Aber dafür geht es ja auch wieder runter. „Doch, was ist das?“ Gerade unten angekommen, ist ein Wendepunkt! „Wendepunkt? Also wieder zurück, den Hügel hoch? Richtiiiiiiiich!“ Das ist aber alles Peanuts gegen das, was mich nach etwa 2,5 km erwartet: der Kuhstieg – ca. 300 m lang und 20% steil! Hatte ich DSC_7223eigentlich schon erwähnt, dass ich Kühe hasse?! Nicht nur, dass sie offensichtlich nacht- und hyperaktiv sind. Es scheint sich bei Kühen auch um extrem gute Kletterer mit hochalpiner Erfahrung zu handeln! „Boah, ist das steil!“ Ich fühle mich an den Jungfrau-Marathon erinnert. Die meisten Athleten gehen hier. Das, was ich mache, sieht jetzt auch nicht gerade nach Laufen aus! Ich denke nach. „Wie kann es eigentlich sein, dass ich nachdenke? Normalerweise ist mein Hirn doch Laktat-geschwängert. Ach ne, dieses – ich meine das Laktakt – steckt ja in meinen Oberschenkeln. Also denke ich weiter: Uns wurde bei der Wettkampfbesprechung erzählt, dass dieser Abschnitt so heißt, weil die Bauern im Frühjahr die Kühe hier hoch- und im Herbst wieder hinuntertreiben. Warum zum Teufel liegen denn dann jetzt hier so viele Kuhfladen auf dem engen und steilen Weg, auf denen man immer wieder ausrutscht? Mich beschleicht der Verdacht, dass in der Nacht ein Bauer mit einem kleinen Trecker hier hochgefahren ist und mal ordentlich Mist abgeladen hat!“ Ne Menge Gedanken. Aber man hat ja auch ne Menge Zeit bis man hier oben angekommen ist! Von hinten drückt die Konkurrenz. Die ersten Drei sind weg. Platz vier verliere ich nach Kilometer 5 kurz vor dem Wendepunkt. Doch von denen hier vorne bin ich der Gesichtsälteste. „Gut zu wissen“, geht mir durch den Kopf, da ich nicht mehr kann. Erwähnte ich schon, dass ich dicke Beine habe? Auch derjenige, der mir nach Kilometer 7 den fünften Platz abluchst, sieht jünger aus, sodass meine Gegenwähr sich in Grenzen hält. „Wo ist das Ziel? Ah, da, endlich!“ Erschöpft, mit einer Laufzeit von 37,09 min (über 10,5 km und 80 Höhenmeter) erreiche ich als Gesamt-Sechster das Ziel. Deutscher Meister in der AK45! Über sechs Minuten schneller als der Zweite in meiner Altersklasse. Die Endorphine verdrängen das Laktakt. Der zweite Deutsche Meistertitel in diesem Jahr nach dem über die Sprintdistanz in Düsseldorf. Und das hier im Hochgebirge!

DSC_7244Aber, dass alleinige Freude nur halb so schön ist, dachte sich auch Bettina, die ein bärenstarkes Rennen machte. Wie gewohnt brillierte sie beim Schwimmen und musste sich im Wasser sogar durch das fünf Minuten vor ihr gestartete Männerfeld pflügen. Mit einer starken Radleistung und beim Laufen immer ein Lächeln im Gesicht verteidigte Bettina als Gesamt-Siebte ihren Titel aus dem Vorjahr. Damit gehen in diesem wie im letzten Jahr drei der vier Titel über die Sprint- und olympische Distanz in der AK45 nach Stormarn – unglaublich! Auch Jens, der in diesem Jahr mit dem Handicap starten musste, der älteste Jahrgang in seiner Altersklasse zu sein, zeigte vielen jüngeren Bergziegen, wie im Norden Triathlon geht und erreichte einen starken 10. Platz in seiner Altersklasse AK55!DSC_7249

DSC_7331DSC_7381Nach dem Zieleinlauf erwartete uns im Athletengarten das Rundum-Sorglos-Paket! So etwas habe ich bei Triathlonveranstaltungen selten erlebt: Duschen, Massagen, All-You-Can-Drink and -Eat! Und dann war da doch noch etwas! Schließlich hatte ich noch eine Rechnung offen! Bei der stimmungsvollen Siegerehrung, mit einem als Moderator verkleideten Entertainer, gab es nicht nur eine Goldmedaille, sondern auch eine Kuhglocke. In diesem Moment schwor ich mir: Würde die hyperaktive Kuh hinter unserer Unterkunft diese Nacht wieder Alarm machen, dann zeige ich ihr mal, wie sich ein Hörsturz anfühlt 😉

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