Der ewige Achim – Duathlon DM in Alsdorf, 14. April 2019

Es ist Sonntag, der 14. April . . . und ich habe ein deja vu! In Alsdorf finden in diesem Jahr die Deutschen Meisterschaften im Duathlon statt. Das ist jetzt keine Neuigkeit, da Alsdorf sich bereits mehrfach als Austragungsort für eine Duathlon DM bewährt hat. Aber in diesem Jahr sind es die Deutschen Meisterschaften über die Mitteldistanz! Das war mir nicht klar, als ich mich im letzten Jahr angemeldet hatte. Ist ja eigentlich viel zu lang für mich: 10 km Laufen + 60 km Radfahren + 10 km Laufen. Wie soll ich das bloß überstehen? Und dann auch noch mit dem Trainingszustand! Gerade einmal 20 km konnte ich in den letzten sechs Wochen laufen!

 

Ein MRT vom Knie gab mir erst zwei Tage zuvor grünes Licht für einen Start. Nach den letzten Monaten, in denen ich aufgrund von Infekten und Verletzungen mehrfach mit dem Training aussetzen musste, stärkt der Befund meinen Entschluss, an den Start zu gehen und einfach nur Spaß zu haben. Spaß? Auf dieser Distanz? Mit dem Trainingszustand? Na ja, vielleicht war es auch die Tatsache, dass wir sowieso in der Gegend sind, um einen Studienfreund zu besuchen und ich auch noch meinen Kumpel Peti zu diesem Wettkampf überredet hatte. Ich konnte ihn ja schlecht alleine durch diese Hölle gehen lassen.

Für den Start hat sich der Veranstalter in diesem Jahr etwas Besonderes einfallen lassen. Letztes Jahr, Ende April, wurde um die Mittagszeit gestartet, weil da die Temperaturen höher sind. Da der Wettkampf in diesem zwei Wochen früher ist, wird auch früher gestartet – hä? Start ist bereits um 8:20 Uhr! Um halb sieben treffe ich in Alsdorf ein und auf Peti. Es ist noch dunkel – und kalt! Um 0 °C! Auf der halbstündigen Fahrt hierher habe ich schon gedacht: „Wenigstens ist es trocken! Wenn die Straßen nass wären, könnte es bei 0 °C ganz schön glatt sein.“ Genau diesen Gedanken äußere ich jetzt, eine Stunde vor dem Start, Peti gegenüber, als es anfängt zu schneien! „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ Wir schauen uns völlig konsterniert an. Alle Athleten um uns herum werden nervös. In meinem Kopf fängt die Denkmaschine an: „Startverzicht – nein, keine Option.“ Stattdessen ändere ich meine Klamottenwahl. Ich entscheide mich mit zwei Paar Handschuhen und einer dicken Windshield-Jacke zu fahren. „Das könnte funktionieren.“ Sorgen mache ich mir nur um meine Füße! Ich habe nur Neoprenkappen an den Radschuhen. Den meisten Bammel habe ich aber vor den nassen Straßen. Sechs Wochen nach meinem schweren Radsturz sind die Folgen noch nicht aus meinem Kopf. „Ich werde schön langsam um die Kurven fahren!“

Zuerst werden die Elite-Felder der Männer und Frauen auf die Laufstrecke geschickt. Dann sind die Agegrouper dran. Ich versuche in dem Gewühl, Peti ausfindig zu machen – keine Chance. Nicht, dass ich vorgehabt hätte, mit ihm mitzulaufen. Das wäre nicht drin. Aber ich wollte ihm wenigstens noch alles Gute wünschen. Der Startschuss fällt und die Meute stürmt los. Noch nie zuvor stand ich so unfit an einer Startlinie. Und ich weiß nicht, ob mein Knie hält. Das Gute ist, dass die Laufstrecke aus vier Runden á 2,5 km besteht, sodass ich nach jeder Runde entscheiden kann, ob ich weiterlaufe oder nicht.

So gerne wäre ich Achim mal ein würdiger Konkurrent gewesen. So sehr hatte ich mich auf diesen Wettkampf gefreut und im Winter alles darauf ausgelegt. Doch während er mir im letzten Jahr auf dem Rad keine Chance gelassen hat, wird er mich jetzt wohl schon beim Laufen vernichten. Ist mir aber auch egal. Ich will ja Spaß haben – und beschwerdefrei durch den Wettkampf kommen. Nahezu auf jedem Meter horche ich in mich hinein – nichts. Gut so! Nach der ersten Runde: „Geht noch.“ Ich pendle mich bei einem 4er Schnitt ein. Ist ganz okay. Dann Runde zwei – läuft. Runde drei – auch noch. Und Runde vier – geschafft.

Jetzt lasse ich mir schön viel Zeit, um mich warm anzuziehen. Glücklicherweise hat es mittlerweile aufgehört zu schneien. Allerdings sind die Straßen jetzt nass. Das führt zu nassen Socken beim Laufen durch die Wechselzone. „Na toll! Mit klitschnassen Füßen in Radschuhe steigen ohne meine beheizbaren Schuhsohlen. Wie soll ich Weichei die mehr als eineinhalb Stunden auf dem Rad überstehen?!“ „Oben rum“ ist es erstaunlich warm. Ich kann gar nicht hinschauen, wenn die anderen sich in die Kurven legen. Ich bin dazu nicht bereit und verliere heute bestimmt alleine dadurch mehr als eine Minute. Aber es läuft ganz gut. Zu fahren sind drei Runden mit jeweils drei Wendepunkten, sodass man auf einigen Streckenabschnitten die Konkurrenz beobachten kann. Und tatsächlich mache ich Peti aus, der in einer 15er Gruppe hängt. Ich denke mir noch: „Wenn sie in der Gruppe niemanden bestrafen, hänge ich sofort meine Radschuhe an den Nagel!“ Aber ich kanalisiere meinen Ärger in meine eigene Leistung und überhole eine Dreiergruppe. Kurz darauf überholt mich der erste dieser Gruppe. Ich lasse Abstand. Dann sticht der Zweite in die Lücke, und dann der Dritte. Das gleiche Spiel vollzieht sich zwei weitere Male! Immer wieder das Gleiche: Fährst Du fair, bist Du der Depp! „Okay, Jungs, Ihr habt es so gewollt!“ Ich fahre ca. 4 km in gebührendem Abstand hinterher und sammle Körner. Dann auf einer Geraden attackiere ich, ziehe an allen vorbei und setze mich ab. Beim nächsten Wendepunkt kann ich sehen, dass sie nicht folgen können. That’s it!

Als ich mich der Wechselzone nähere, spüre ich meine mittlerweile Nassen und halb gefrorenen Zehen nicht mehr. „Hoffentlich geht es mir nicht so wie Reinhold Messner!“ Der Wechsel dauert gefühlt eine halbe Ewigkeit, weil auch die Hände mitllerweile klamm sind. Als ich endlich loslaufen kann, weiß ich gar nicht worauf ich laufe. Alles ist taub. Müssen aber wohl Füße sein. Ich verlasse die Wechselzone und vernehme einen Anfeuerungsruf: „Hau rein, Udo!“ „Wer spricht?“ Es ist Peti, der unter einem Zeltdach steht. Kurz geht mir durch den Kopf, dass er es sich gut gehen lässt bei Massage, heißer Suppe und Glühwein. Aber nein, es ist die Penalty-Box. Ausgerechnet mein Kumpel Peti hat ne Zeitstrafe erhalten. Ihn und einen weiteren Athleten haben sie aus der Gruppe rausgefischt und bestraft – zwei Bauernopfer, die jetzt vier Minuten Zeit haben zu verschnaufen, während ich mich auf weitere vier Runden á 2,5 km mache. Aber auch diese überstehe ich beschwerdefrei. Der Schritt wird zwar immer schwerer, doch am Ende reicht es noch zu einem Schlussspurt – gegen wen auch immer. Denn Achim ist bereits geduscht, geföhnt und erholt. Satte 5 min hat er mir insgesamt aufgebrummt. Das ist ein Pfund! Aber er hat es verdient. Und ich freue mich mehr über den ersten beschwerdefreien Lauf seit sechs Wochen als über den Vizemeistertitel. Etwas später kommt auch Peti als Duathlon-Vizemeister ins Ziel. Ohne die Zeitstrafe wäre er sogar Deutscher Meister geworden!

Ergebnisse: https://www.trialogevent.de/results/?id=140&k=2&f=AK&v=MK50