Auslaufen – Landesmeisterschaften im Halbmarathon in Lübeck, 8. Oktober

Eigentlich war ja meine Saison nach der WM in Rotterdam beendet. Oh, wie ich dieses Füllwort „eigentlich“ liebe ? Doch der Terrier hatte mich überredet, in Lübeck an den Start zu gehen, wo in diesem Jahr die Landesmeisterschaften über die Halbmarathondistanz stattfanden. Schließlich hätten wir eine gute Mannschaft, bestehend aus drei Leuten, am Start. Also musste ich irgendwie noch ein paar Laufeinheiten einschieben, um halbwegs in der Lage zu sein, eine so lange Strecke zu überstehen. Schließlich ist es ein halbes Jahr her als ich beim Berliner Halbmarathon das letzte Mal so weit gelaufen bin. Und ähnlich wie damals hatte ich auch dieses Mal nicht wirklich einen Plan, was ich wohl laufen könnte und wie schnell ich angehen wollte. Und seinerzeit hatte ich festgestellt, dass es ohne Plan irgendwie blöd ist. Wie würde es dieses Mal laufen?

Es ist ein genialer Spätsommertag! Nach den heftigen Regenfällen und Stürmen der letzten Wochen, scheint doch tatsächlich die Sonne von einem strahlendblauen Himmel. Temperaturen so um die 14 Grad – perfekt. Als ich die ersten bekannten Gesichter treffe, werde ich ständig gefragt, was ich mir denn vorgenommen habe. „Nichts“ lautet meine Antwort, wobei ich mir auf den letzten Metern hierher überlegt habe, einfach mal mitzulaufen und zu schauen, ob sich in meinem Wohlfühltempo eine Gruppe auftut. Als mich Jan, mein Teamkollege in der Ligamannschaft vom TSV Bargteheide und eigentlich für den heimischen Tri-Sport Lübeck startend, fragt, ob ich nicht mit ihm mitlaufen wolle, muss ich schnaufen, weil er sich eine Zeit von 1:17 h vorgenommen hat. „No way! Das kann ich im Moment nicht laufen. Ausgeschlossen. Ich hatte eher an 1:20 h gedacht.“ Jan redet noch ein wenig auf mich ein und ich gebe klein bei: „Okay, ich laufe erstmal mit so weit es geht, lasse Dich dann laufen und schleppe mich irgendwie ins Ziel“. Deal!

Mit viel Mühe quetsche ich mich in die erste Startreihe. Immer wieder das gleich Phänomen! Dann geht alles ganz schnell: 10, 9, 8, … – und los! Die erste 90°-Kurve gleich nach 20 m. Ich verspüre leichten Kontakt an einem Bein. „Nein, nicht wieder wir vor drei Jahren, wo mich jemand in der Startphase zu Fall gebracht hat und ich mir das Handgelenk gebrochen habe.“ Gut gegangen. Nur zwei sind vor mir. „Wo bleibt Jan?“ Ich schaue mich um, verzögere ein wenig bis Jan neben mir ist. Dann nehme ich sein Tempo auf. Der erste Kilometer in 3:30 min. „Okay, der erste ist immer zu schnell“, denke ich. Aber als wir den zweiten Kilometer auch in 3:30 min laufen, kommen in mir die ersten Zweifel auf: „Das hältst Du nie durch!“ Doch es läuft. Jan und ich haben eine Schrittlänge und eine Frequenz. Es macht nur „flapp, flapp, flapp . . .“ wenn unsere Füße auf dem Asphalt einsetzen. Eingereiht haben wir uns mittlerweile an Position 6 und 7 mit zwei Lutschern im Windschatten – und Wind ist genug! Nach 5 Kilometern fragt mich Jan, wie ich mich fühle: „Noch gut. Aber das werde ich nie durchhalten! Ich laufe einfach mal weiter mit.“ Unsere Windschatten haben wir verloren. Der eine musste reißen lassen und der andere hat uns überholt. Eingependelt haben wir uns mittlerweile bei einem Kilometerschnitt von 3:37 min und laufen unglaublich synchron. Gesprochen wird nicht. Wir brauchen aber auch keine Worte. Wir verstehen uns auch non-verbal. Es ist total klasse! Habe ich eine Schwächephase, zieht Jan mich mit. Ich hoffe, das war auch mal anders herum, oder Jan? Wir tauschen hin und wieder die Seiten, damit jeder in den Genuss von Getränken an den Verpflegungstellen kommt. Dann geht es kurz vor dem Wendepunkt durch den Herrentunnel. „Mann, ist der steil!“ Jan macht ordentlich Druck. So schnell wäre ich den nie runtergelaufen. Ich habe das Gefühl, mir fliegen meine Beine um die Ohren. Bergauf werden wir sogar überholt. „Das kann doch nicht sein! Woher kommt der denn? Der muss ja noch schneller runtergelaufen sein als wir! Das geht ja gar nicht!“ Dann ist der Wendepunkt erreicht. Hier ist ganz schön was los. Und der Sprecher kann offensichtlich mit meinem Namen etwas anfangen. Er kündigt mich als frisch gebackenen Triathlon-Weltmeister an und ist voll des Lobes. Hier spreche ich die einzigen Worte zu Jan: „Lauf‘ Du mal weiter. Ich bleibe noch ein bisschen hier. Ist so schön hier.“ ? Auf den Rückweg geht es ein zweites Mal durch den Herrentunnel. Mittlerweile haben wir uns auf Platz 4 und 5 vorgearbeitet. Jan macht weiter Druck und nimmt mich mit bei seinem „Heimspiel“. Als die die Kilometermarke 15 passieren warte ich darauf, dass mir so langsam die Beine schwer werden. Doch es passiert nichts. Erstaunlich! Ich fühle mich immer noch gut. Und so geht es weiter dahin: flapp, flapp, flapp. Als wir wieder die Fußgängerzone in Lübecks Innenstadt erreichen, kommen so langsam die Endorphine. Noch immer laufen Jan und ich Schulter an Schulter. Letzte Kurve. Jan ist die berühmte Brust voraus.

Insgesamt werde ich Fünfter. Und Zweiter in meiner Altersklasse. Ja, auch andere können SCHNELL. Worüber ich aber enorm erstaunt bin, ist die Zeit. Und zwar bleibt die Uhr bei 1:16,29 h stehen. Das ist der zweitschnellste Marathon, den ich je gelaufen bin. Das ist ja unglaublich! Und das ohne gezielte Vorbereitung. Danke, Jan, es war mir eine Ehre, Dich begleiten zu dürfen!

Ergebnisse: http://my3.raceresult.com/63808/results?lang=de#2_E58FA6